Jung Stilling auf Huxholl

Wie bereits erwähnt, verbringt Jung-Stilling (*12.09.1740) drei Monate als Hauslehrer auf Huxholl bei Jost Henrich Stahlschmidt. Er kommt zu Neujahr 1756 nach Himmelmert, und zwar im gleichen Jahr, in dem Johannes Jung und Maria Elisabeth Schreiber, Bürger aus dem Siegenschen Ferndorfer Kirchspiel, am 6. Oktober in Dankelmert heiraten, wo Johannes Pächter des Schüttengutes ist. Eine Verwandtschaft zwischen den beiden Jung Namensträgern kann allerdings nicht nachgewiesen werden.

Nachstehend sehen wir Jung Stillings Hilchenbacher Taufeintrag vom 18. September 1740 – Pate ist sein Onkel Johann Henrich Jung, Ehemann von Anna Eva Schlooss.

Johannes, der am 04.03.1762 in Dankelmert geborene Sohn dieses Paares, arbeitet als Schneidermeister in der Nähe von Hagen, wo er im Jahr 1793 Anna Elisabeth Schriefer (Schreiber) heiratet und mit ihr eine Familie gründet. Bereits vier Jahre nach der Hochzeit, am 04.09.1797, stirbt er an einem bösen Halsgeschwür in Dahl-Hengsteberg. In Dahl hat sich auch Jung-Stilling-Schüler Wilhelm Stahlschmidt niedergelassen (siehe Kapitel “Jost Henrich”).

In direkter Nachbarschaft zu Jost Henrich Stahlschmidts Huxholl-Gut liegt das Stockstückers Gut, auf dem am
8. November 1755 zwischen der dort lebenden Sybille Gerdrut Huxholl und Johannes Schmidt aus Crombach Hochzeit gefeiert wird. Wahrscheinlich wird Jung-Stillings Himmelmerter Lehrer-Engagement auf dieser Hochzeit ausgehandelt, denn Johannes Schmidts Schwester Anna Margarethe ist mit Johann Hermann Schlooss verheiratet, einem Cousin der Johann Henrich Jung Ehefrau Anna Eva Schlooss.

Im 18. Jahrhundert veranlassen staatliche Bestimmungen die Gründung geringwertiger Bauerschaftsschulen, in denen im Sommer kein Unterricht stattfindet. Von Weihnachten bis Ostern werden so genannte Schulmeister gehalten, die man auf die wenigen Wochen wie Viehhirten mietet und ebenso besoldet. Es wird berichtet, “dass diese Subjekte, wie schon aus ihrer Ansetzung und Besoldung sich schliessen lässt, höchst erbärmlich seien.” Pastor Schlieper hat jeden Winter in der Holthauser Schule einen anderen gesehen, sein Tisch und Logis waren stets “wandelbar”1.

So ist es nicht verwunderlich, dass sich auf Huxholl etwas zuträgt, das Jung-Stilling leicht das Leben hätte kosten können.

Er muss Feuer im Ofen machen und Holz aus einer Rauchkammer holen, wo man Fleisch räuchert und zugleich das Holz trocknet. Als er die Tür aufmacht, aus welcher eine dicke Wolke Rauch qualmt und einen Sprung nach dem Holz tut, wirbelt einer der Tagelöhner, die gerade mit Dreschen beschäftigt sind, die Tür hinter ihm zu. Der Rauch erstickt Jung-Stilling, und in seiner Todesangst springt er gegen die Tür, so dass diese im letzten Moment nachgibt, Jung-Stilling die Treppe herunter fällt und sich dem Spott der Anwesenden aussetzt.

Noch vor Ostern, ehe er abreist, beschliessen Jost Henrichs Knechte, ihn betrunken zu machen, um besondere Freude an ihm zu haben. Am Sonntag nach dem Kirchgang geht es ans mit Sirup versüsstem Branntweintrinken, und der Schulmeister muss mittrinken. Er merkt bald, wohin das führen wird, und daher nimmt er den Mund voll, speit ihn aber unbemerkt wieder aus. Die Knechte bekommen also zuerst einen Rausch und achten nicht mehr auf den Lehrer, sondern sie betrinken sich aufs Beste und finden endlich einen Grund, Jung-Stilling zu schlagen. Mit Mühe entkommt er schliesslich ihren Händen und schleicht sich fort. Als er nach Hause zurückkehrt, erzählt er Jost Henrich Stahlschmidt den Vorfall, der aber nur darüber lacht. Man sieht ihm an, dass er den misslungenen Anschlag sogar bedauert.

Der Aufenthalt in Himmelmert und die dort gemachten negativen Erfahrungen sind nicht ohne heilsame Folgen für Jung-Stilling, denn seine Weltfremdheit und übergrosse Empfindsamkeit werden durch Konfrontation mit der rauhen Lebenswirklichkeit vermindert. In Himmelmert erhält er die Kenntnis von der Herstellung des Osemundeisens und des Drahtes, was ihn in den Stand setzt, später Abhandlungen über dieses Gebiet der Eisenverarbeitung zu schreiben.

Vergessen wird er die bitteren Monate auf Huxholl nie, und der Zorn steigt in ihm auf, wenn er an sie zurück denkt. Dies bringt er später auch noch in einigen Aufsätzen zum Ausdruck, in denen er sich negativ über die Bewohner des märkischen Sauerlandes äussert, wenn er z. B. schreibt:

“Zwischen dem Herzogtum Berg und dem Nassau-Siegenschen liegt das Sauerland. Es ist sehr unfruchtbar und bringt nur Hafer zum Futter der Pferde hervor, so dass also den dortigen Bauern das Pferdehalten nicht schwer wird. Diese sind nun eigentlich alle Eisenhändler, besonders diejenigen, welche um die Landstrasse wohnen. Ein jeder hat nun ein Kapitälchen von vierunddreissig bis fünfunddreissig Reichsthaler, womit er seinen Handel fortzusetzen im Stande ist. Des Morgens schirrt er sein Pferd an, nimmt sein Geld und fährt nach Nassau. Dort kauft er sich, wo er will, eine Karre Eisen. Mit dieser fährt er den selbigen Tag noch nach Hause, damit er die Nacht mit seinem Pferde wieder in eigener Kost sei. Des anderen Morgens fährt er mit dem Eisen fort. Abends kommt er an ein Wirtshaus auf der Bergischen Grenze, wo er übernachtet. Den dritten Tag fährt er ins Bergische, verkauft sein Eisen und kehrt wieder zurück bis an das gedachte Wirtshaus. Am vierten Tag kommt er wieder zu Hause an. Der Gewinn, welcher ein solcher Fuhrmann in diesen vier Tagen macht, bleibt immer zwischen drei und fünf Thaler. Damit kann er neben seinem Gütchen sich und seine Familie oft kümmerlich genug ernähren. Die Bergischen Kaufleute sind dadurch auch genötigt, mit den Fuhrleuten zu handeln, welches oft äusserst beschwerlich ist. Denn diese sind gemeiniglich grobe, niederträchtige Leute.”
Weiterhin sieht Jung Stilling das Sauerland von Menschen bewohnt, die weder ihren Schöpfer noch ihren Erlöser genug kennen sowie an Kultur und Industrie (= Fleiss, zielgerichtetes Bemühen) gewaltig Mangel leiden.

F. A. A. Eversmann schildert die Graftschaft Mark und ihre Bewohner dagegen in seiner  1804 erstellten Übersicht der Eisen- und Stahlerzeugung auf Wasserwerken in den Ländern zwischen Lahn und Lippe wie folgt:

“Diese Provinz des preussischen Staates ist in mehrfacher Betracht nicht nur eins der merkwürdigsten Länder dieses Staats-Körpers, sondern behauptet auch in Hinsicht auf Gewerb-Fleiss eine der ersten Stellen im ganzen deutschen Reiche. Dennoch ist sie lange unter die unbekanntesten Winkel unseres deutschen Vaterlandes versteckt gewesen. Der Grund dieser Obscurität lag in dem Mangel fahrbarer Strassen, und zum Theil in der Anspruchslosigkeit der Markaner selbst. Es ist noch nicht lange her, dass in der Geographie der Ausländer von der ganzen Grafschaft Mark nichts weiter bekannt war, als dass ein Handlungsort Iserlohn bei Solingen oder nicht weit von Cöln liege.”

Auch das Gutachten des Deputatus Johann Peter Brüninghaus über die Osemund-Fabrik im Lüdenscheid’schen vom 19. Juli 1764, das Walter Hostert in einem Aufsatz zum Bremecker Hammer in “Der Reidemeister, Geschichtsblätter für Lüdenscheid Stadt und Land, Nrn. 87/88 1983″ veröffentlicht hat und hier teilweise wiedergegeben wird, zeigt, dass Jung-Stilling die Sauerländer aufgrund seiner schlechten Erfahrung mit den Himmelmertern allzu negativ darstellt:

“Die gütige Natur hat also diese sterile Gegend mit kleinen, durch die wilden, mit Holz bewachsenen Gebürge schnelle abfließenden Bächen und Flüssen gesegnet, forthin denen darin wohnenden Menschen nebst denen starken Cörpern so viel Witz verliehen, dass sie vor und nach auf solche Flüsse Eysen-Hämmere nebst Draht-Rollen erbauet und darzu das sonst ins Wilde gewachsene Gehölze mit Nutzen verbrauchen können. Der Fleiß, das Nachdenken dieser Leute, und da sie kein Geld gescheuet, denen Frömbden ihre Kunst, das Eysen auf allerley Weise zu fabricieren, abzulauren, nebst der Gnade derer Landesherren, welche sothane Fabriquen als die Seele von hiesigem Land durch ertheilte Privilegia in ihren Schutz genommen, hat das Unternehmen dergestalt gesegnet, daß man tractu temporis (im Verlauf der Zeiten) in denen Aembtern Altena, Iserlohn, Neuenrade und Plettenberg eine Art Eysen, so Osemund heißet, erfunden, welche nunmehro auf 85 (am Rande: vermeine, es seien 88) Feuern verfertigt wird, wobey es landkundig, daß außer diesen 86 Hammerfeuers die ganze Welt kein dergleichen gutes Sortiment von Eysen aufweisen, viel weniger liefern kann2.

Bei seinem allzu subjektiv gefärbten Urteil berücksichtigt Jung-Stilling nicht, dass Jost Henrich, der die eigene Familie und die Himmelmerter Bauernschaft gegen den jungen Lehrer aufbringt, selbst aus dem Siegerland stammt. Die Märker können Jung Stilling dafür dankbar sein, dass er ihnen eine lebendige und wirklichkeitstreue Schilderung von den Zuständen in ihren damaligen Bauernschaftsschulen hinterlassen hat3.

Arden Ernst Jung (*Weidenau 2.9.1906, + Schwabach/Bayern 28.5.1983) veröffentlichte verschiedene Arbeiten über Jung-Stilling, darunter den Aufsatz ” Ein Schneidergesell aus Grund” über Jung-Stilling als Winkelschulmeister auf Hof Huxholl. Im Pdf-File Dorlingen , meinem Brief an A.E. Jung, der auch in der Jubiläumsausgabe der Zeitschrift “Siegerland” Band 89/Heft 2 2012 veröffentlich worden ist, nehme ich Bezug auf die vorerwähnte Arbeit. Von diesem Brief wird auch in der lokalen Tageszeitung berichtet:

Jung_Stilling_Engagement

Inzwischen hat die Stadt Plettenberg mit Unterstützung der Dorfgemeinschaft Himmelmert diese Jung-Stilling-Gedenktafel auf Huxholl aufstellen lassen, die folgenden Text beinhaltet:

“Johann Heinrich Jung-Stilling

*12.9.1740 in Grund im Siegerland

+ 2.4.1817 in Karlsruhe

Schneider, Lehrer, Augenarzt („Staroperation“), Professor der Kameral- und Finanzwissenschaften, Erbauungsschriftsteller, Geheimrat , Freundschaft mit Goethe, Kontakte zu Herder, Immanuel Kant, Zar Alexander I. und vielen bedeutenden Menschen seiner Zeit.

Als 15jähriger wurde Jung-Stilling am 1.12.1755 vom Himmelmerter Bauern und Betreiber einer an der Ebbecke gelegenen Osemundschmiede, dem Reidemeister und damaligen Besitzer des Hofes Huxholl , Jobst Heinrich Stahlschmidt, als Hauslehrer zur Unterrichtung von dessen eigenen Kindern und denen acht benachbarter Höfe für drei Wintermonate eingestellt.

Wegen seiner Unerfahrenheit im Umgang mit Menschen und aufgrund seiner fehlenden pädagogischen Ausbildung nahmen ihn Schüler und Erwachsene nicht ernst. Der Aufenthalt in Himmelmert wurde für ihn zu einer harten Prüfung, auch weil er unter der Gewalttätigkeit und dem grobschlächtigen Verhalten einiger Schüler zu leiden hatte. Dies schildert er in seinen Lebenserinnerungen eindrucksvoll.Jung-Stillings eigentliche Wirkung im märkischen Sauerland setzte viel später ein. Als Erbauungsschriftsteller wurde er zu einer zentralen Gestalt des Spätpietismus am Ende des 18. Jahrhunderts, die unmittelbar in die Erweckungsbewegung des 19. Jahrhundert hinein-wirkte .

Seine Autobiographie „Heinrich Stillings Leben“ und sein Roman „Das Heimweh“ dienten in den pietistischen Zentren des Siegerlandes, des Sauerlandes und des Wuppertals als Muster individueller Frömmigkeit und unmittelbarer Glaubensgewissheit.

Mit freundlicher Unterstützung der Dorfgemeinschaft Himmelmert e.V.”

Jung-Stilling-Forscher Dr. Erich Mertens danke ich für die nachfolgenden Zeichnungen, die kommentarlos im Stadtarchiv Siegen liegen.

Fussnoten
  1. P.D. Frommann, Von der Hünenburg auf dem Sundern bei Ohle und ländlichen Siedlungen in ihrer Umgebung []
  2. W. Hostert, Der Bremecker Hammer. Ein technisches Kulturdenkmal und eine eisengeschichtliche Abteilung des Stadtmuseums Lüdenscheid []
  3. Dr. C. P. Froehling, Heinrich Jung-Stilling als Lehrer in Plettenberg-Himmelmert []