Jung-Stilling auf HuxhollWie bereits erwähnt, verbringt Jung-Stilling (*12.09.1740) drei Monate als Hauslehrer auf Huxholl bei Jost Henrich Stahlschmidt. Er kommt zu Neujahr 1756 nach Himmelmert, und zwar im gleichen Jahr, in dem Johannes Jung und Maria Elisabeth Schreiber, Bürger aus dem Siegenschen Ferndorfer Kirchspiel, am 6. Oktober in Dankelmert heiraten, wo Johannes Pächter des Schüttengutes ist. Gemäss den Siegerländer Jung-Genealogen Ortwin Brückel, Heinrich Prinz und Günter Weller waren Jung-Stilling und der vorerwähnte Johannes Jung, wenn überhaupt, entfernt verwandt. Ihre Vorfahren kamen beide aus Bottenbach, und zwar lebten Jung-Stillings Ahnen um 1600 im Haus 4, diejenigen von Johannes Jung im Haus 8. Nachstehend sehen wir Jung Stillings Hilchenbacher Taufeintrag vom 18. September 1740 - Pate ist sein Onkel Johann Henrich Jung, Ehemann von Anna Eva Schlooss.
In direkter Nachbarschaft zu Jost
Henrich Stahlschmidts Huxholl-Gut liegt das Stockstückers Gut, auf dem am
Im 18. Jahrhundert veranlassen staatliche Bestimmungen die Gründung geringwertiger Bauerschaftsschulen, in denen im Sommer kein Unterricht stattfindet. Von Weihnachten bis Ostern werden so genannte Schulmeister gehalten, die man auf die wenigen Wochen wie Viehhirten mietet und ebenso besoldet. Es wird berichtet, "dass diese Subjekte, wie schon aus ihrer Ansetzung und Besoldung sich schliessen lässt, höchst erbärmlich seien." Pastor Schlieper hat jeden Winter in der Holthauser Schule einen anderen gesehen, sein Tisch und Logis waren stets "wandelbar" [16]. So ist es nicht verwunderlich, dass sich auf Huxholl etwas zuträgt, das Jung-Stilling leicht das Leben hätte kosten können. Er musste Feuer im Ofen machen und Holz aus einer Rauchkammer holen, wo man Fleisch räucherte und zugleich das Holz trocknete. Als er die Tür aufmachte, aus welcher eine dicke Wolke Rauch qualmte und einen Sprung nach dem Holz tat, wirbelte einer der Tagelöhner, die gerade mit Dreschen beschäftigt waren, die Tür hinter ihm zu. Der Rauch erstickte Jung-Stilling, und in seiner Todesangst sprang er gegen die Tür, so dass diese im letzten Moment nachgab, Jung-Stilling die Treppe herunter fiel und sich dem Spott der Anwesenden aussetzte. Noch vor Ostern, ehe er abreiste, hatten Jost Henrichs Knechte beschlossen, ihn betrunken zu machen, um besondere Freude an ihm zu haben. Am Sonntag nach dem Kirchgang ging es ans Branntweintrinken, der mit einem Sirup versüsst war, und der Schulmeister musste mittrinken. Er merkte bald, wohin das führen würde, und daher nahm er den Mund voll, spie ihn aber unbemerkt wieder aus. Die Knechte bekamen also zuerst einen Rausch und achteten nicht mehr auf den Lehrer, sondern sie betranken sich aufs Beste und fanden endlich einen Grund, Jung-Stilling zu schlagen. Mit Mühe entkam er schliesslich ihren Händen und schlich sich fort. Als er nach Hause kam, erzählte er Jost Henrich den Vorfall, der aber nur darüber lachte. Man sah ihm an, dass er den misslungenen Anschlag bedauerte. Der Aufenthalt in Himmelmert und die dort gemachten negativen Erfahrungen sind nicht ohne heilsame Folgen für Jung-Stilling gewesen, denn seine Weltfremdheit und übergrosse Empfindsamkeit sind durch Konfrontation mit der rauhen Lebenswirklichkeit vermindert worden. In Himmelmert erhielt er die Kenntnis von der Herstellung des Osemundeisens und des Drahtes, was ihn in den Stand setzte, später Abhandlungen über dieses Gebiet der Eisenverarbeitung zu schreiben. Vergessen hat er die bitteren Monate auf Huxholl nie, und der Zorn stieg in ihm auf, wenn er an sie zurück dachte. Dies hat er später auch noch in einigen Aufsätzen zum Ausdruck gebracht, in denen er sich negativ über die Bewohner des märkischen Sauerlandes äussert, wenn er z. B. schreibt:
"Zwischen dem Herzogtum Berg
und dem Nassau-Siegenschen liegt das Sauerland. Es ist sehr unfruchtbar
und bringt nur Hafer zum Futter der Pferde hervor, so dass also den
dortigen Bauern das Pferdehalten nicht schwer wird. Diese sind nun
eigentlich alle Eisenhändler, besonders diejenigen, welche um die
Landstrasse wohnen. Ein jeder hat nun ein Kapitälchen von
vierunddreissig bis fünfunddreissig Reichsthaler, womit er seinen
Handel fortzusetzen im Stande ist. Des Morgens schirrt er sein Pferd an,
nimmt sein Geld und fährt nach Nassau. Dort kauft er sich, wo er will,
eine Karre Eisen. Mit dieser fährt er den selbigen Tag noch nach Hause,
damit er die Nacht mit seinem Pferde wieder in eigener Kost sei. Des
anderen Morgens fährt er mit dem Eisen fort. Abends kommt er an ein
Wirtshaus auf der Bergischen Grenze, wo er übernachtet. Den dritten Tag
fährt er ins Bergische, verkauft sein Eisen und kehrt wieder zurück
bis an das gedachte Wirtshaus. Am vierten Tag kommt er wieder zu Hause
an. Der Gewinn, welcher ein solcher Fuhrmann in diesen vier Tagen macht,
bleibt immer zwischen drei und fünf Thaler. Damit kann er neben seinem
Gütchen sich und seine Familie oft kümmerlich genug ernähren. Die
Bergischen Kaufleute sind dadurch auch genötigt, mit den Fuhrleuten zu
handeln, welches oft äusserst beschwerlich ist. Denn diese sind
gemeiniglich grobe, niederträchtige Leute."
Weiterhin sieht Jung Stilling das Sauerland von Menschen bewohnt, die weder ihren Schöpfer noch ihren Erlöser genug kennen sowie an Kultur und Industrie (= Fleiss, zielgerichtetes Bemühen) gewaltig Mangel leiden. Bei seinem allzu subjektiv gefärbten Urteil berücksichtigt Jung-Stilling nicht, dass Jost Henrich, der die eigene Familie und die Himmelmerter Bauernschaft gegen den jungen Lehrer aufbrachte, selbst aus dem Siegerland stammte. Die Märker können Jung Stilling dafür dankbar sein, dass er ihnen eine lebendige und wirklichkeitstreue Schilderung von den Zuständen in ihren damaligen Bauernschaftsschulen hinterlassen hat [11]. Inzwischen hat die Stadt Plettenberg mit Unterstützung der Dorfgemeinschaft Himmelmert diese Jung-Stilling-Gedenktafel auf Huxholl aufstellen lassen.
Jung-Stilling-Forscher Dr. Erich Mertens danke ich für die nachfolgenden Zeichnungen, die kommentarlos im Stadtarchiv Siegen liegen.
F. A. A. Eversmann schildert die Graftschaft Mark und ihre Bewohner dagegen in seiner 1804 erstellten Übersicht der Eisen- und Stahlerzeugung auf Wasserwerken in den Ländern zwischen Lahn und Lippe wie folgt: "Diese Provinz des preussischen Staates ist in mehrfacher Betracht nicht nur eins der merkwürdigsten Länder dieses Staats-Körpers, sondern behauptet auch in Hinsicht auf Gewerb-Fleiss eine der ersten Stellen im ganzen deutschen Reiche. Dennoch ist sie lange unter die unbekanntesten Winkel unseres deutschen Vaterlandes versteckt gewesen. Der Grund dieser Obscurität lag in dem Mangel fahrbarer Strassen, und zum Theil in der Anspruchslosigkeit der Markaner selbst. Es ist noch nicht lange her, dass in der Geographie der Ausländer von der ganzen Grafschaft Mark nichts weiter bekannt war, als dass ein Handlungsort Iserlohn bei Solingen oder nicht weit von Cöln liege." Auch das Gutachten des Deputatus Johann Peter Brüninghaus über die Osemund-Fabrik im Lüdenscheid'schen vom 19. Juli 1764, das Walter Hostert in einem Aufsatz zum Bremecker Hammer in "Der Reidemeister, Geschichtsblätter für Lüdenscheid Stadt und Land, Nrn. 87/88 1983" veröffentlicht hat und hier teilweise wiedergegeben wird, zeigt, dass Jung-Stilling die Sauerländer aufgrund seiner schlechten Erfahrung mit den Himmelmertern allzu negativ darstellt: "Die gütige Natur hat also diese sterile Gegend mit kleinen, durch die wilden, mit Holz bewachsenen Gebürge schnelle abfließenden Bächen und Flüssen gesegnet, forthin denen darin wohnenden Menschen nebst denen starken Cörpern so viel Witz verliehen, dass sie vor und nach auf solche Flüsse Eysen-Hämmere nebst Draht-Rollen erbauet und darzu das sonst ins Wilde gewachsene Gehölze mit Nutzen verbrauchen können. Der Fleiß, das Nachdenken dieser Leute, und da sie kein Geld gescheuet, denen Frömbden ihre Kunst, das Eysen auf allerley Weise zu fabricieren, abzulauren, nebst der Gnade derer Landesherren, welche sothane Fabriquen als die Seele von hiesigem Land durch ertheilte Privilegia in ihren Schutz genommen, hat das Unternehmen dergestalt gesegnet, daß man tractu temporis (im Verlauf der Zeiten) in denen Aembtern Altena, Iserlohn, Neuenrade und Plettenberg eine Art Eysen, so Osemund heißet, erfunden, welche nunmehro auf 85 (am Rande: vermeine, es seien 88) Feuern verfertigt wird, wobey es landkundig, daß außer diesen 86 Hammerfeuers die ganze Welt kein dergleichen gutes Sortiment von Eysen aufweisen, viel weniger liefern kann [14].
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